Einzigartiger Planet

Er bringt Wasser in die Wüsten des Himalaya

Im Schatten des höchsten Gebirges der Erde herrscht Trockenheit, weil es der Regen nicht über die Gipfel schafft. Der Ingenieur Sonam Wangchuk (54) türmt deshalb im kargen Hochland künstliche Eishügel auf, die im Frühjahr Wasser für die Felder liefern. Dafür bekam er den Rolex Preis für Unternehmungsgeist.
Veröffentlicht: Januar 2021icon-clockLesezeit: 3 min 43 s

Von Pakistan im Westen bis Myanmar im Osten erstreckt sich auf 3000 Kilometer Länge das höchste Gebirge der Erde – der Himalaya. Wie eine gewaltige Mauer bildet das „Dach der Welt“ eine natürliche Barriere zwischen dem indischen Subkontinent und Ostasien.

An den südlichen Flanken des Himalayas regnet es häufig – vor allem die Winde des Sommer­monsuns bringen viel feuchtwarme Luft in die Region, die an den Bergen emporsteigt, dabei abkühlt und das auf dem indischen Ozean aufgetankte Wasser in Form von Niederschlägen wieder fallen lässt. An den südlichen Hängen gibt es darum üppige Wälder und reiche Ernten; der Regen speist auch gigantische Flüsse wie den Ganges, der das wertvolle Wasser aus dem Gebirge in die tiefer gelegenen Ebenen Indiens und Bangladeschs transportiert.

Kältewüsten hoch im Gebirge

Nördlich des Himalaya dagegen herrscht Trockenheit. Denn das Dach der Welt sperrt die Regenwolken aus. Die Luft aus dem Süden kommt hier im Hochland von Tibet nur noch kalt und trocken an. Ausgedehnte alpine Kältewüsten prägen das Land.

Auch in Ladakh ist Wasser deshalb ein kostbares Gut. Die trockene Region im Norden Indiens liegt auf 3500 Meter Höhe über dem Meeres­spiegel zwischen dem Himalaya und dem Kunlun­gebirge am Rand des Hochlands von Tibet. Hier gibt es nur wenig Niederschlag, in erster Linie ist es Schnee, der sich auf die bis zu 7700 Meter hohen Gipfel Ladakhs legt und die eisigen Gletscher in den Tälern füttert.

„Landwirtschaft und Existenz­sicherung sind von Gletscher­schmelzwasser abhängig und waren nie einfach“, sagt der ladakhische Ingenieur Sonam Wangchuk. „Dazu kommt der Klimawandel. Gletscher, die in der Nähe der Dörfer waren, weichen immer weiter zurück. Die Gletschermassive werden immer kleiner. Sie schrumpfen. Die Wasserversorgung wird unberechenbar. Unsere Lebensader verschwindet.“

Um den Wassermangel in der Hochgebirgs­wüste zu bekämpfen, legt Sonam Wangchuk in den Dörfern Eisstupas an. Diese nach Stupas, den buddhistischen Schreinen Tibets, benannten konischen Eishügel verhalten sich wie Minigletscher, die im Frühjahr schmelzen und Wasser für die Pflanzen der Bauern liefern. Dafür wurde Wangchuk mit dem Rolex Preis für Unternehmungs­geist ausgezeichnet.

Die Gletschermassive werden immer kleiner. Sie schrumpfen. Die Wasserversorgung wird unberechenbar. Unsere Lebensader verschwindet.Sonam Wangchuk, Träger des Rolex Preises für Unternehmungs­geist

Der Preis für außer­gewöhnliche Menschen

Die Rolex Preise für Unternehmungs­geist sind Teil der Kampagne „Perpetual Planet“. Die Schweizer Luxusuhren­manufaktur unterstützt seit mehr als vier Jahrzehnten laufende oder visionäre neue Projekte, die dem Wohl der Menschheit und/oder des Planeten dienen.

Anlässlich des 50‑jährigen Jubiläums der Rolex Oyster, der ersten wasserdichten Armbanduhr der Welt, wurde der Preis 1976 ins Leben gerufen. Wie die Rolex Oyster stehen auch die Preise – und vor allem die Preisträger – für die Werte, die Rolex seit seiner Gründung 1905 durch Hans Wilsdorf ausmachen: Qualität, Erfindungsgabe, Entschlossenheit und ganz besonders Unternehmungsgeist.

150 Frauen und Männer wurden ausgezeichnet, seit die Preise erstmalig vergeben wurden. Preisträgerinnen und Preisträger erhalten Unterstützung für die Weiterführung ihrer Projekte sowie Zugang zum Rolex Netzwerk.

Wenige Menschen leben in einem weiten Land

Ladakh ist dünn besiedelt. Die Region hat knapp 60.000 Quadrat­kilometer, wird aber von nur 274.000 Menschen bewohnt. Zum Vergleich: Bayern ist 70.000 Quadratkilometer groß und hat rund 13 Millionen Einwohner. Die Tatsache, dass am Himalaya mehrere Kulturen aufeinander­treffen, spiegelt sich auch in der Bevölkerungs­struktur von Ladakh wider.

Etwa 46 Prozent der Ladakhis sind schiitische Muslime, 42 Prozent sind Buddhisten und 12 Prozent sind Hindus. Traditionell dominiert jedoch die buddhistische Kultur des benachbarten Tibets, weshalb Ladakh häufig als „Klein-Tibet“ bezeichnet wird. So trifft man in der atem­beraubenden Hochgebirgs­landschaft immer wieder auf malerische Klöster und sogenannte Stupas – kegelförmige, heilige Schreine, die von gläubigen Buddhisten in rituellen Prozessionen immer im Uhrzeigersinn umkreist werden.

Seine Lebensthemen sind Umwelt und Bildung

Sonam Wangchuk ist in Ladakh geboren und aufgewachsen. Am National Institute of Technology im indischen Srinagar studierte er Maschinenbau und absolvierte später an der École Nationale Supérieure d’Architecture de Grenoble eine zweijährige Fachausbildung in Lehmbau­architektur. Während seiner ganzen Karriere setzte er sein Wissen für die Verbesserung der Lebens­verhältnisse der Menschen in seiner Heimat ein und befasste sich dabei vor allem mit dem Thema Umwelt und Umweltschutz.

1988 gründete er mit Freunden die Schüler­bewegung SECMOL (Students‘ Educational and Cultural Movement of Ladakh), der es gelang, das lokale Bildungs­system zu reformieren. In den 1990er-Jahren war Sonam Wangchuk maßgeblich an der Planung und Aufbau des SECMOL Campus in der Nähe des ladakhischen Dorfes Phey beteiligt. Eine alternative Schule, die nach ökologischen Prinzipien eingerichtet ist und erneuerbare Energien nutzt – hier leben und lernen Schüler, Lehrer und Freiwillige zusammen. Der Campus wird dabei im Wesentlichen von den Schülern selbst verwaltet und instandgehalten.

Ein Problem, das Sonam Wangchuk bis heute regelmäßig umtreibt, ist die immer schwieriger werdende Wasser­versorgung in der Region. Als Folge des Klimawandels schrumpfen die Gletscher nicht nur dauerhaft, sondern sie geben das dringend für den Ackerbau benötigte Schmelz­wasser inzwischen sehr viel später frei. So erreicht es die Dörfer oft erst im Sommer, wird aber für die Bewässerung der Felder schon im Frühjahr benötigt.

Die Idee lag unter einer Brücke

Auf einem Spaziergang durch das Dorf Phey kam Sonam Wangchuk dann vor ein paar Jahren die rettende Idee. Obwohl es schon Mai war, entdeckte er unter einer Brücke immer noch Eis aus dem voran­gegangenen Winter. Schnell war ihm klar: Wenn es gelingt, das Eis vor der Sonne zu schützen, kann gefrorenes Wasser bis weit ins Frühjahr hinein auch in den vergleichsweise warmen Dörfern am Fuße der Berge gelagert und genutzt werden.

Zunächst dachte der Ingenieur dabei an reflektierende Folien, um die Sonne fernzuhalten, entschied sich letztlich jedoch für einen viel praktikableren Ansatz. Denn Eis schmilzt umso langsamer, je geringer seine Oberfläche im Vergleich zu seinem Volumen ist – also der direkte Kontakt zu warmer Luft und Sonne. Die rechnerisch kleinste Oberfläche im Vergleich zum Volumen hat dabei eine Kugel. Je kompakter sich also das Eis lagern lässt, desto langsamer schmilzt es.

Große Eishügel speichern Wasser über Monate

2013 begann Sonam Wangchuck gemeinsam mit SECMOL-Schülern Prototypen der Eisstupas zu entwicklen: kompakte Eishügel, die wegen ihrer konischen Form an die buddhistischen Stupaschreine der Umgebung erinnern. Der erste dieser Prototypen, sieben Meter hoch, lieferte bis in den Mai 2014 hinein Wasser – ein Erfolg.

Daraufhin baten Seine Heiligkeit Drikung Kargyud Chetsang Rinpoche, religiöses Oberhaupt der in Ladakh verbreiteten buddhistischen Drikung-Kagyü-Schule, und die Mönche des bei Phey liegenden Klosters Phyang Wangchuk darum, weitere Eisstupas zu errichten. Wangchuk organisierte gemeinsam mit dem Kloster eine Crowdfunding-Kampagne. So konnte eine 2,3 Kilometer lange Wasserleitung finanziert werden.

Das Prinzip: Durch unterirdisch verlegte Rohre wird Wasser im Winter aus höher gelegenen, noch nicht eingefrorenen Bergbächen und Seen ins tiefer gelegene Dorf geleitet. Am Ende der Leitung spritzt das Wasser mit Druck aus einem senkrecht hoch aufragenden Rohr. Ist es ausreichend kalt, gefriert es augenblicklich und fällt zu Boden. Im Laufe von wenigen Wochen entsteht so um das Rohr herum ein riesiger Kegel aus Eis.

Im Dorf entstand so 2015 ein 20 Meter hoher Eisstupa, der etwa 1,5 Millionen Liter Wasser speicherte. Bis Anfang Juli 2015 wurden durch den Eisstupa insgesamt 5000 Bäume bewässert, die die Dorfbewohner angepflanzt hatten. Sonam Wangchuk: „Das Konzept funktioniert also, und wir sollten dabei nicht stehenbleiben.“

Wir müssen widerstandsfähig, intelligent und innovativ sein und uns an die Veränderungen anpassen, damit auch die nächste Generation hier in diesen Bergen wachsen und gedeihen kann.Sonam Wangchuk, Träger des Rolex Preises für Unternehmungs­geist

Das Preisgeld der Rolex Preise für Unternehmungs­geist finanziert das Projekt mit und fördert die Eisstupas als Klima­anpassungs­maßnahme und Begrünungs­technik für die Wüste. Mittelfristig möchte Wangchuk in Ladakh 50 riesige Eisstupas anlegen, von denen jeder etwa zehn Millionen Liter für die Bewässerung von je zehn Hektar Land liefert. Geplant ist ein Aufforstungs­programm mit Mini­gletschern, mit dem die unwirtliche Kältewüste Ladakhs aus dem Regen­schatten des Himalaya heraustreten kann.

Um die Akzeptanz für die neuen Verfahren bei der einheimischen Bevölkerung zu erhöhen und die Technik auszubauen, plant Sonam Wangchuk zudem als Ergänzung zum SECMOL-Campus den Aufbau einer Hochschule. Hier sollen Studenten aus der Region das wissenschaftliche Handwerkszeug zur Lösung der Probleme der Bergbewohner erlernen.

„Wir Ladakhis stehen beim Kampf gegen den Klimawandel an vorderster Front“, sagt Sonam Wangchuk. „Wir müssen widerstandsfähig, intelligent und innovativ sein und uns an die Veränderungen anpassen, damit auch die nächste Generation hier in diesen Bergen wachsen und gedeihen kann.“

Dies ist eine Produktion der Axel Springer Brand Studios im Auftrag von Rolex.

Partnerships-Serie

Einzigartiger Planet

Erfahren Sie mehr