Gustavo DudamelIch bin kein junger Dirigent mehr

Veröffentlicht: September 2013clockLesezeit: 2m50s
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Mit seinen 32 Jahren liegt Rolex Markenbotschafter Gustavo Dudamel die Musikwelt zu Füßen. Neuinterpretationen des charismatischen Dirigenten aus Venezuela bringen die Fundamente der klassischen Musik ins Wanken.

von Jesús Ruiz Mantilla

Vor zehn Jahren begann alle Welt von einem Jungdirigenten zu sprechen, der aus dem wunderbaren „Sistema“ hervorgegangen war, jenem System der Jugend- und Kinderorchester in Venezuela, das vor fast 40 Jahren von José Antonio Abreu gegründet wurde. Abreu war ein Visionär, der mit seiner Idee eines Orchesternetzwerkes die klassische Musiklandschaft völlig verändern sollte. Und der Name des Jungdirigenten? Gustavo Dudamel. Mit seinem von Korkenzieherlocken umrahmten Lächeln, seiner ansteckenden Lebendigkeit und Energie begeisterte er die Massen. Junge Massen ... und wurde so zum Hoffnungsträger in der Welt der klassischen Musik, die an Popularität eingebüßt hatte. Nachdem er in seinem Land das Simón-Bolívar-Jugendorchester geleitet hat – das Flaggschiff des „Sistema Abreu“ und nach Meinung der Kritik eines der fünf besten Orchester der Welt –, wird er mit seinen 32 Jahren nun regelmäßig von den renommiertesten Ensembles in Europa eingeladen, von den Berliner oder Wiener Philharmonikern über das Concertgebouw-Orchester bis hin zum Orchestra Filarmonica della Scala. Darüber hinaus wurde er auch zum Chefdirigenten des Los Angeles Philharmonic Orchestra ernannt. Heute betrachtet sich Dudamel, seit 2008 Rolex Markenbotschafter, nicht mehr als jungen Dirigenten. Dudamel hat eine nonkonformistische Reife erlangt.

Sie haben sich von einem vielversprechenden musikalischen Wunderkind zu einem erfahrenen Dirigenten entwickelt. Wie ist es, wenn der eigene Traum wahr wird?

Ich fühle mich nicht mehr als junger Dirigent. In der Umgebung, die mich geformt hat, gibt es junge Dirigenten wie den 18-jährigen Jesús Parra, der in diesem Sommer unter der Führung von Simon Rattle in Salzburg sein Debüt gab, oder Diego Matheuz oder Christian Vásquez und andere mehr. Es gibt weltweit eine Vielzahl von neuen Dirigenten und das ist ganz normal. Die Großen von gestern und heute waren auch einmal Jungdirigenten. Und die Zahl der Jüngeren, die sich so der Musik verschreiben wollen, nimmt immer weiter zu, vielleicht weil die Möglichkeiten des Zugangs zu dieser Welt vielfältiger geworden sind. Ich weiß, dass noch ein weiter Weg vor mir liegt und bin mir bewusst, dass ich privilegiert bin, weil ich über die notwendigen Mittel verfüge, um mich mit den Orchestern unter meiner Leitung weiterzuentwickeln. Der Reifegrad, den ich erreicht habe, entspricht der Zeit, die hinter mir liegt, und der Entwicklung, mit der ich es bis hierher gebracht habe. Das Interessanteste bei alledem ist jedoch, dass die Ansprüche immer größer werden.

Warum?

Wenn man jung ist, tendiert man dazu, sich viele Gedanken zu machen und vielleicht hängen die Ideen, die Sorgen, die einen dann umtreiben, eher mit der inneren Natur als mit der Erfahrung zusammen. Vielleicht ist man ungestümer und freier, aber mit der Zeit merkt man, wie die Frage des „Wie“ immer mehr durch die nach dem „Warum“ abgelöst wird. Das spüre ich jetzt ganz deutlich. Das „Wie“ wird immer unbedeutender und das „Warum“ gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Gustavo Dudamel ist überzeugt, dass die klassische Musik weder an einen bestimmten Ort noch an eine bestimmte Kultur gebunden ist, sondern uns allen gehört.

Können sie uns Beispiele nennen?

Warum soll man in dieser oder jener Weise an eine bestimmte Musik herangehen? Warum soll man dieses oder jenes von einem Orchester fordern, einen besonderen Stil, einen bestimmten Klang?

Die Karriere eines jungen Dirigenten Ihrer Generation steht mehr denn je in der Öffentlichkeit, ist transparent für die Medien, die sozialen Netzwerke. Ein Dschungel, in dem nur wenige überleben. Ihnen ist das gelungen und sie haben die in sie gesetzten Erwartungen locker erfüllt. Fühlen sie sich genügend anerkannt?

Ich fühle mich sehr wohl in meiner jetzigen Position. Ich glaube, dass ich niemandem etwas beweisen muss und mich nicht unter Druck setzen muss, irgendetwas zu erreichen, auch nicht bezüglich meiner Karriere. Wichtiger ist mir meine künstlerische Entwicklung. Früher war ich mehr darauf konzentriert, etwas zu beweisen, vor allem mein Talent. Das sind Verrücktheiten der Jugend, obwohl das für mich immer ganz normal war, ich habe nie Druck verspürt; heute fühle ich mich entspannter. Meine Neugier hat zugenommen. Ich bin davon fasziniert, mich intensiv mit dem Sinn der Musik, mit ihren physischen, philosophischen und natürlich künstlerischen Aspekten zu befassen.

Welche sind dabei besonders wichtig?

Alle zusammen. Man kann die Musik nicht getrennt als Klang, als Harmonie, als Rhythmus, als Klangfarbe betrachten; sie muss auch durch das Prisma des Denkens gesehen werden, das diese Noten hervorgebracht hat. Bestimmte Meisterwerke sind das Ergebnis einer tiefen Reflexion, die nicht unbedingt ein methodischer, aber doch immer ein natürlicher Prozess ist, den auch das Orchester spüren muss – und nicht nur dann, wenn man ein Meisterwerk mit Worten zu erklären versucht. Dies gilt es auch mit Gesten auszudrücken, da in diese komplexe Beziehung auch Intellekt, Wissen, Intuition und Gefühle einfließen.

Dass sie keinen Druck verspürt haben, überrascht mich. Das zeugt einerseits von einem gesunden Umgang mit der Situation, andererseits aber auch von einer gewissen Sorglosigkeit. Sie waren die Vorzeigefigur an der Spitze des venezolanischen Orchestersystems, das von José Antonio Abreu gegründet wurde und weltweit Symbolcharakter besitzt. Hat diese Verantwortung tatsächlich nicht auf Ihren Schultern gelastet?

Nein, nie, wirklich nicht. Vor Konzerten bin ich nie nervös, das wäre ein Zeichen von Unsicherheit. Ich bin allerdings sehr ungeduldig, der Adrenalinspiegel steigt. Ja, ich spüre eine Verantwortung, aber das ist etwas anderes als Druck. Die Verantwortung, mich menschlich und auch künstlerisch weiterzuentwickeln. Den Begriff „professionell“ möchte ich hier nicht verwenden.

Was stört sie daran?

Dieser Begriff ist mit einer Einschränkung verbunden. Es ärgert mich sehr, wenn die jungen Leute beim Eintritt in ein Orchester eine professionelle Behandlung verlangen: Als Künstler sind wir schöpferisch und neugestaltend tätig. Für die Neugestaltung der Musik der großen Meister braucht es Künstler und keine professionellen Musiker. Daher habe ich nie Druck verspürt.

Worin bestehen für sie die Grundprinzipien von El Sistema?

Im Wesentlichen geht es darum, gemeinsam zu spielen. Individuelles Lernen ist auch wichtig, vorrangig ist aber die gemeinsame Arbeit. Die Erfahrung im Orchester, die auch darin besteht, dem anderen zuzuhören, einen bestimmten Ton zu treffen, das war für uns entscheidend. Wir entstammen alle einem Orchester, in dem wir selbst gespielt haben, und dieses Gemeinschaftserlebnis, gepaart mit einer profunden musikalischen Ausbildung, ist unsere treibende Kraft. Mein Studium in Barquisimeto [Venezuela] hat den Grundstein für alles gelegt, die Harmonie, die Ästhetik, die Geschichte und … das gemeinsame Spiel. Dies verschafft mir, wie ich glaube, auch einen guten Zugang zu den Orchestern.

Mit diesem Rüstzeug sind sie in Venezuela gestartet; Sie feiern als Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra Triumphe in den Vereinigten Staaten und versetzen Europa, Hort der großen musikalischen Tradition, in Erstaunen. Sie haben frische Akzente gesetzt. Gilt es, die Bedeutung dieser Tradition nun zu relativieren? Sind die Dinge einfacher, als es den Anschein hat?

Absolut. Bestimmte Begriffe wie das Wort „klassisch“ selbst haben die Menschen größtenteils von dieser Musik abgebracht. Es gab Zeiten, in denen diese Musik den Eliten, dem höfischen Leben vorbehalten war. Sie wurde von Königen und der Aristokratie gefördert, aber das ist jetzt Geschichte. Heute gehört sie allen. Die Kunst ist Teil der natürlichen Entwicklung des Menschen. Sie eröffnet einen Zugang zu der Schönheit, die man nicht sieht, sondern empfindet. Daher schließt die Musik alle anderen Künste mit ein. Man kann sie empfinden, erfahren.

Für Gustavo Dudamel ist die Aufführung eines Meisterwerkes zusammen mit einem Orchester ein komplexer Gestaltungprozess, in den Intellekt, Wissen, Intuition und Gefühle einfließen.

Wie lässt sich diese Barriere überwinden?

Man denke nur an den Vintage-Charme eines Oldtimers. Und daran, wie sich dieses Fahrzeug immer der Zeit angepasst hat ... Ähnlich sollten wir an die Musik herangehen. Vieles hat sich weiterentwickelt, nicht nur die Komposition, sondern auch der Klang, die Auffassungen, die Art, sie zu übertragen. Wir sollten den Schwung nutzen, den die jüngeren Generationen mit ihrer neuen Einstellung in die Orchester einbringen. Diese Welt gehört uns allen.

Dies bedeutet auch, nicht nur Teile oder Ausschnitte von Repertoires zu spielen. Sie bringen Ihrem Publikum zum Beispiel komplette Zyklen von Mahler-Symphonien zu Gehör. Das Publikum, darunter auch die neuen Zuhörer, liebt immer die besten Werke. Qualität und Quantität sind nicht unvereinbar.

Wer klassische Musik von einem größeren Publikum und neuen Generationen fernhält, ist puristisch. Puristen glauben, dass diese Musik für eine Handvoll Privilegierter bestimmt ist, dass sie, um ihre Reinheit zu bewahren, eingeschlossen, in den Händen bestimmter Kreise bleiben muss. Es ist ein Wahnsinn, dass auch in der heutigen Zeit noch einige dieser Meinung sind.

Niemand hat Wagner größeren Schaden zugefügt als die Wagnerianer selbst mit ihrem Sektierertum.

Ja tatsächlich, diese Herangehensweise ist weit verbreitet. Schon merkwürdig. Einige Dinge werden heute sehr aggressiv angegangen. Viele kritisieren oder attackieren einen jungen Dirigenten allein wegen seines jugendlichen Alters. Das ist so, wie wenn man von einer gut aussehenden Person denkt, dass sie nicht intelligent sein kann. Das sind unhaltbare Klischees. Puristen neigen sehr dazu. Musik sollte Vergnügen bereiten, leider stellen sich einige Kritiker mit ihren Vorurteilen dem entgegen.

Richten sich diese Vorurteile auch gegen Musiker, die nicht aus Europa stammen – etwa venezolanische Dirigenten oder große Pianisten wie Lang Lang –, sich aber der großen europäischen Tradition annehmen?

Vor allem die Gewohnheit versperrt den Kritikern den Blick. Man hat diese Musik immer besessen und in derselben Weise wahrgenommen. Aber das ändert sich jetzt. Die Musik gehört weder zu einem bestimmten Ort noch zu einer bestimmten Kultur. Sie ist global, universal. Wir sind gerade dabei, dies zu beweisen, und das ist das Wichtigste. Außerdem kommen wir aus Ländern, in denen der Zugang zur Musik demokratisiert wurde, wo es nicht darum geht, Musiker zu produzieren, sondern darum, ein System zu schaffen, das den Menschen die Möglichkeit bietet, sich selbst zu verwirklichen und sich zu entwickeln.

Meine Neugier ist viel größer als in der Vergangenheit.Gustavo Dudamel

Ist dies der Anspruch des Abreu-Systems?

Er ist – losgelöst von jeglichem Individualismus – auf das Gute gerichtet. Ich kenne keinen ehrgeizigeren Menschen als José Antonio Abreu. Sein Ehrgeiz gilt aber dem Fortschritt des Kollektivs. Ein System als Gemeingut, das Kinder und Jugendliche den richtigen Umgang mit der Zeit lehrt. Sie lernen hier für etwas, was der Mühe wert ist, etwas Sinnvolles, was ihnen auf der Suche nach der Schönheit zugutekommt. Das Wichtigste in unserer Ausbildung ist die Kunst, die Schaffung eines physischen und zeitlichen Raums für die Entwicklung des Schönen. Unser größter Reichtum ist die Zeit – wir müssen sie nutzen, um unsere Sensibilität zu schärfen und uns menschlich weiterzuentwickeln.

EL SISTEMA, DAS VENEZOLANISCHE ORCHESTERNETZWERK

El Sistema wurde 1975 von José Antonio Abreu gegründet und ist heute weltweit ein Vorbild in der Musikerziehung. Viele andere Länder würden gern diese Form der musikalischen Früherziehung und Förderung junger Menschen (sowie das Finanzierungsmodell) übernehmen. El Sistema war und ist ein soziales Projekt für den Kampf gegen Armut und Kriminalität. Es umfasst 125 Jugendorchester im ganzen Land, also mehr als eines pro Stadt, ganz nach dem Wunsch des Gründers. Dazu gehören auch 31 Symphonieorchester mit jungen Musikern, die aus El Sistema hervorgegangen sind, darunter das Simón-Bolívar-Jugendorchester, das an der Spitze der Pyramide steht.

Derzeit kommen fast 400.000 Kinder und Jugendliche landesweit in den Genuss dieser Ausbildung. El Sistema wird durch staatliche und private Subventionen aus der ganzen Welt finanziert. Renommierte Musiker wie Simon Rattle betrachten es als ihre wichtigste pädagogische Erfahrung. El Sistema arbeitet regelmäßig mit namhaften Musikern wie Plácido Domingo oder Simon Rattle selbst zusammen. Es ist zudem eine anerkannte Schule, aus der von Abreu ausgebildete Interpreten und Dirigenten hervorgegangen sind, wie etwa Gustavo Dudamel, gegenwärtig musikalischer Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra und des Simón-Bolívar-Jugendorchesters, Diego Matheuz, Chefdirigent des Opernhauses La Fenice in Venedig, und Christian Vásquez.

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