Mit Smartphones die Ärmsten vor Blindheit schützen

Viele Menschen weltweit haben kaum Zugang zu Augenärzten und noch nie einen Sehtest gemacht. Ein neuer Ansatz ermöglicht einfache Massenscreenings.

Von Alois Pumhösel
Veröffentlicht: Januar 2021icon-clockLesezeit: 2 min 58 s

Was es heißt, eine Seh­beeinträchtigung zu haben, die nicht korrigiert wird, spürte Andrew Bastawrous als Kind am eigenen Leib. Er hatte Probleme in der Schule, war sozial schwierig. Im Alter von zwölf bekam er schließlich eine Brille. Sie veränderte sein Leben fundamental. „Ich wandelte mich vom leistungs­schwachen Schüler zu einem jungen Menschen, der das Gefühl hatte, dass ihm die Welt offensteht“, erinnert er sich. „Hätte ich keine Brille bekommen, wäre mein Leben vollkommen anders verlaufen.“ Als in Großbritannien aufgewachsener Sohn ägyptischer Eltern sah er bei den Urlauben im Herkunftsland gleichzeitig, wie ungleich die Chancen auf diese medizinische Hilfe verteilt sind.

Diese Erfahrungen prägten Bastawrous. Er wurde Arzt, schließlich Augenchirurg. 2011 bot sich die Möglichkeit, im Rahmen eines PhD-Studiums nach Kenia zu gehen, um im Dienst des dortigen Gesundheits­ministeriums zu untersuchen, wie man die Augenmedizin in dem Land organisieren könne. Heute, zehn Jahre später, leitet er mit der Organisation Peek ein Social Enterprise, das bereits hundert­tausenden Menschen zu einem Sehtest verhalf – in Kenia und einer Reihe weiterer Länder in Afrika und Asien.

Hätte ich keine Brille bekommen, wäre mein Leben vollkommen anders verlaufen.Andrew Bastawrous

Einfach bedienbar: Zeichen statt Buchstaben

Kaum Personal, kaum Equipment: So lässt sich die augen­medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten Kenias beschreiben, wie sie Bastawrous vorfand. Einschlägige Experten gibt es nur in Städten. Für Behandlungs­touren auf dem Land rücken ganze Teams mit Tafeln, Bildschirmen und Kameras aus. Bastawrous fiel auf, dass manche Orte, die zwar weder Straßen noch Strom­versorgung hatten, dennoch über eine gute Mobilfunk­abdeckung verfügten. Die Frage war für ihn also: Ließ sich ein Sehtest am Smartphone „nachbauen“, den auch Laien bedienen könnten?

„Mein Gefühl sagte mir, dass das möglich ist“, erklärt Bastawrous. 18 Monate und eine Vielzahl von Design­varianten und Test­prozeduren später war eine Version fertig, die reif für die Praxis war. „Jeder, der ein Smartphone bedienen kann, kann auch unser System bedienen“, betont er. Das Anwendungs­prinzip hinter Peek, dem „Portable Eye Examination Kit“, ist tatsächlich einfach. Es verwendet nicht Buchstaben, sondern Zeichen mit einer intuitiv verstehbaren Orientierung – die Beine der Symbole zeigen in eine bestimmte Richtung. „Bei uns geht es nicht um die Fähigkeit zu lesen, sondern zu sehen“, sagt Bastawrous.

1.000 Menschen pro Tag gescreent

Der Patient sitzt in – ganz lowtech per Schnur vermessener Entfernung – dem Smartphone-Anwender gegenüber und deutet einfach in jene Richtung, in die das Symbol auf dem Schirm zeigt. Der Handybenutzer muss diese Geste nun nur auf dem Smartphone kopieren. Zeigt der Patient nach oben, wischt er rauf, zeigt er nach rechts, wischt er nach rechts. Ob die Antwort richtig oder falsch ist, muss den Nutzer nicht interessieren, das wird von den Algorithmen, die auch die Lichtstärke im Raum und andere Aspekte miteinbeziehen, ausgewertet.

Wird auf diese Art ein Sehfehler entdeckt, wird das Peek-System zum Vermittler und verbindet die Patienten mit Ärzten und Kranken­häusern, aber – per automatisierten Textnachrichten – auch mit Eltern, Lehrern oder anderen, die dafür sorgen können, dass tatsächlich eine Behandlung stattfindet.

Peek arbeitet mittlerweile mit mehreren NGOs zusammen, die das System anwenden. In den aktivsten Programmen werden 1.000 Menschen pro Tag gescreent. In Kenia, wo in einer Region bereits an die 400.000 Schüler und Erwachsene getestet wurden, soll das Programm auf das gesamte Staatsgebiet ausgeweitet werden. Ein Service von Peek richtet sich auch an Regierungen und Verwaltungen. Statistische Untersuchungen ganzer Populationen lassen darauf schließen, wie groß der Bedarf an Gesundheits­diensten ist. Bastawrous: „Wir wollen damit eine schnelle Einschätzung zum Thema vermeidbare Blindheit in einer Bevölkerung ermöglichen.“

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