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Einzigartiger Planet

Er rettet den Urwald mit alten Handys

Täglich verschwinden riesige Flächen tropischen Regenwalds, werden illegal abgeholzt. Darum montiert Topher White im Dschungel elektronische „Ohren“ aus recycelter Technik – ein vernetztes Warnsystem. Für sein Projekt wurde er mit dem Ehrenpreis der Rolex Preise für Unternehmungs­geist ausgezeichnet.
Veröffentlicht: September 2020Lesezeit: 3 min 43 s

Wenn es um Biodiversität geht, stehen tropische Regenwälder an der Spitze. Sie bedecken nur etwa zwölf Prozent der globalen eisfreien Landfläche, aber mehr als die Hälfte aller Tierarten des Planeten lebt im Regenwald. Diese große Vielfalt an Lebensformen macht den Dschungel auch zu einem Hörerlebnis. Insekten, Vögel, Affen und andere Tiere liefern sich einen ununter­brochenen akustischen Wettstreit.

Sie schaffen mit ihrem Zirpen, Zwitschern, Schreien und Singen eine überwältigende Geräusch­kulisse. Es ist laut, sehr laut. Und aufschlussreich: „Wenn man die Essenz des Waldes erfassen will, dann muss man ihm zuhören“, sagt Topher White. „Mit dem Auge sieht man nur die Bäume in der nächsten Umgebung.“ Die Klänge des Urwalds dagegen seien gehaltvoller, findet der Technologie­experte, sie „stecken voller Informationen“.

Die Welt verliert Millionen Hektar Regenwald durch illegales Abholzen
Aber diese Vielfalt ist bedroht – vor allem durch illegale Abholzung. Seit 1950 ist nahezu die Hälfte aller weltweit vorhandenen tropischen Regenwälder verschwunden. Schätzungen zufolge hat der Raubbau einen Anteil von 50 bis 90 Prozent an der Vernichtung der Regenwälder.

Allein 2018 wurden zwölf Millionen Hektar Regenwald zerstört. Zusammen­genommen ist das eine Fläche, die größer ist als die aller deutschen Waldgebiete. Die Regenwälder schrumpfen weltweit so schnell, dass sie bis 2100 verschwunden sein könnten.

Darum hat der amerikanische Ingenieur Topher White (38) die „Forest Guardians“ entwickelt, ein in Waldgebieten verteiltes Netzwerk aus recycelten Handys, die mit Mikrofonen und Solarmodulen zu „elektronischen Ohren“ werden und Geräusche identifizieren können. Darunter auch die von Motorsägen, die bei illegalen Rodungen eingesetzt werden.

„Wir bilden Partnerschaften mit lokalen Stämmen, NGOs, Regierungsbehörden und Gesellschaftsgruppen und können diese alarmieren, damit sie unmittelbar vor Ort eingreifen und illegale Aktivitäten in Echtzeit unterbinden können“, sagt White. Für sein Projekt wurde er als Ehren­preisträger der Rolex Preise für Unternehmungsgeist ausgezeichnet.

Der Preis für außergewöhnliche Frauen und Männer
Die in etwa alle zwei Jahre vergebenen Rolex Preise für Unternehmungs­geist sind Teil der 2019 ins Leben gerufenen Kampagne „Perpetual Planet“. Die Schweizer Luxusuhren­manufaktur unterstützt seit mehr als vier Jahrzehnten laufende oder visionäre neue Projekte, die dem Wohl der Menschheit und/oder des Planeten dienen.

Anlässlich des 50‑jährigen Jubiläums der Rolex Oyster, der ersten wasserdichten Armbanduhr der Welt, wurde der Preis 1976 ins Leben gerufen. Wie die Rolex Oyster stehen auch die Preise und vor allem die Preisträger für die Werte, die Rolex seit seiner Gründung 1905 durch Hans Wilsdorf ausmachen: Qualität, Erfindungsgabe, Entschlossenheit und ganz besonders Unternehmungs­geist.

150 Frauen und Männer wurden ausgezeichnet, seit die Preise erstmalig vergeben wurden. Preis­trägerinnen und Preisträger erhalten Unterstützung für die Weiterführung ihrer Projekte sowie Zugang zum Rolex Netzwerk.

Das Netzwerk hört dem Regenwald zu
Die Idee zu seiner Non‑Profit-Organisation Rainforest Connection kam Topher White im Dschungel der indonesischen Insel Borneo. White besuchte dort ein Schutzreservat für Menschenaffen. Bei einem Erkundungsgang stieß er in der Nähe einer Wildhüter-Station auf einen Mann, der gerade einen Baum zerlegte – illegal, aber unbemerkt, trotz Motorsäge, weil deren Lärm in der natürlichen Geräusch­kulisse des Dschungels unterging. Topher White hatte einen Einfall.

„Am erstaunlichsten“ findet White, „dass wir alte Technologie nutzen, die niemanden interessiert“. Rainforest Connection sammelt für das Netzwerk, das insgesamt 3000 Quadrat­kilometer Regenwald akustisch überwacht, ausgediente Mobiltelefone. Diese werden mit hoch­empfindlichen Mikrofonen ausgerüstet. Eine Software, die ähnlich wie eine App zur Musik­erkennung funktioniert, vergleicht die Geräusche des Waldes mit den akustischen Finger­abdrücken von Motorsägen, Lastwagen, Baggern oder den Warnrufen bestimmter Tiere.

Die aus alter Technik entstandenen neuartigen Geräte können „alle Geräusche wahrnehmen, und mithilfe künstlicher Intelligenz können wir den Lärm von Kettensägen, Holzlastern und Straßen­bauarbeiten herausfiltern – oder sogar die Laute gefährdeter Vogel- und Tierarten“, sagt White. Einmal hoch in einer Baumkrone installiert, erfassen sie Geräusche in bis zu einem Kilometer Entfernung; die Audio-Livestreams werden in die Cloud geladen und analysiert. Verdächtiges wird markiert.

Durch Rainforest Connection entsteht ein akustisches Naturarchiv
Doch die Waldwächter erkennen auch Tierlaute. Biologen und Wildhüter können so die Aktivitäten bedrohter Arten wie Gorillas oder Orang-Utans überwachen und handeln, sobald es Hinweise auf Wilderer gibt. Wenn etwa Angstschreie von Tieren zu hören sind oder es ungewöhnlich ruhig wird, weil bestimmte Vogelarten verstummen, sobald Menschen in der Nähe sind. „Wir sollten auch Tiere aufspüren können, die gar kein Geräusch machen“, sagt White. „Jaguare machen vielleicht nicht immer Geräusche, aber die Vögel und die anderen Tiere um sie herum tun es.“

Darüber hinaus schaffen die konstant gesammelten Daten auch ein wertvolles akustisches Langzeit­archiv für die Stimmen des Regenwaldes. Über Jahre hinweg lässt sich so feststellen und dokumentieren, ob und wie sich die Arten­zusammensetzung der Dschungel­bewohner langfristig verändert. Das passiert zum Beispiel, wenn Schneisen, Straßen, Felder und Weiden im Wald angelegt werden und ihn so fragmentieren.

Rainforest Connection wird mittlerweile umfangreich eingesetzt. Was sein System erfasst, macht Topher White zugänglich. Forscher kommen so auch ohne teure Expeditionen an aktuelle Daten zur tropischen Tierwelt. Für Naturliebhaber gibt es die kostenlose App „RainforestCx“ , mit der man sich unter anderem anhören kann, wie der brasilianische Urwald live klingt.

Die Vernichtung von Regenwald zerstört nicht nur die Lebens­grundlage zahlreicher seltener Tier- und Pflanzenarten, sondern ist auch ein wesentlicher Treiber für den menschen­gemachten Klimawandel. Denn Bäume speichern CO₂ in Blättern, Ästen, Stämmen, Wurzeln. Wird ein Baum gefällt, sterben etwa seine Blätter ab und das gespeicherte CO₂ gelangt schnell wieder in die Atmosphäre.

Was statt der Bäume entsteht, zum Beispiel Felder und Weiden, kann CO₂ schlechter binden als ein Wald. Auf diese Weise sind durch die Abholzung der tropischen Regenwälder von 2015 bis 2017 rund fünf Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr in die Atmosphäre gelangt, die Wälder ansonsten aufgenommen und gespeichert hätten. Das entspricht etwa acht Prozent der jährlich weltweit von Menschen verursachten CO₂‑Emissionen.

Das ist nicht nur aus ökologischer Sicht wichtig. Es geht auch um den Schutz der Kulturen und Menschen vor Ort.TOPHER WHITE, Ehrenpreisträger der Rolex Preise für Unternehmungsgeist

Für Topher White sind Urwälder „Bollwerke der Natur“. Sie zu bewahren, „Korridore zu schaffen, wo der Wald sich halten kann, ist nicht nur aus ökologischer Sicht wichtig“, sagt White. „Es geht auch um den Schutz der Kulturen und Menschen vor Ort.“

Aktuell laufen die Planungen für einen großflächigen Einsatz von Topher Whites System im nord­brasilianischen Bundesstaat Pará. Die Tembé, ein Volk indigener Einwohner, wollen dort mithilfe von White 60.000 Hektar Regenwald in ihrem Reservat vor illegalem Holzeinschlag, Wilderei und Drogen­schmuggel schützen.

White bereitet mit Rainforest Connection mehr als 60 neue Projekte vor. Die überwachte Regenwald-Fläche soll sich auf 6000 Quadrat­kilometer verdoppeln. Topher White rechnet vor: Der Umwelteffekt entspricht demnach der Stilllegung von sechs Millionen Autos – 400 Millionen Bäume werden geschützt und 30 Millionen Tonnen CO₂ gebunden.

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