Zakir Hussain und Marcus GilmoreMit der Kraft des Schlagzeugs Grenzen überwinden

Veröffentlicht: Januar 2020clockLesezeit: 1m30s
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Der indische Tabla-Virtuose Zakir Hussain hat schnell das Talent seines Meisterschülers, des amerikanischen Schlagzeugers Marcus Gilmore bemerkt. Am Ende der Mentoringzeit hatte Gilmore, auch dank der Ermutigung durch seinen Mentor, das Ziel erreicht, sein erstes Stück für ein Orchester zu komponieren. Im Verlauf dieser Zeit hatte Hussain Gilmore das indische Prinzip der Liebe eines Musikers zu seinem Instrument gelehrt.

von Sarah Crompton Januar 2020
  • Zakir Hussain
  • Marcus Gilmore

„Er kommt mir ein bisschen wie ein Weiser vor. Er ist so eine Art Yoda“, beschreibt Marcus Gilmore den legendären Trommler Zakir Hussain, der ihm im Rahmen der Rolex Initiative als Mentor zur Seite stand. „Ich hege großen Respekt für ihn: Er ist nicht nur ein grandioser Musiker, sondern auch eine einmalige Persönlichkeit. Er ist sehr verständnisvoll und aufmerksam und, wie viele weise Menschen, muss er gar nicht viel sagen, um seinen Standpunkt zu vermitteln. Er hört erst zu, dann sagt er, was er zu sagen hat, und das war‘s.“

Der in New York beheimatete, 33-jährige Schlagzeuger lacht bei seinem Vergleich von Hussain mit dem großäugigen Mentor aus dem Star Wars-Universum, trotzdem besteht kein Zweifel an dem mystisch anmutenden Charakter, den Hussain, Komponist, Musikproduzent und Virtuose der indischen Tabla, ihrer Zusammenarbeit verliehen hat. Bei einem ihrer Treffen in Indien nahm Hussain Gilmore in jenen Vorort von Mumbai mit, in dem er geboren wurde. „In Indien beten wir das Instrument, das wir spielen, fast schon an; das ist es, was im Westen verloren gegangen oder vielleicht in Vergessenheit geraten ist: die Verbindung zwischen Künstler und Instrument, die Ehrfurcht vor dieser Verbindung. Ich wollte, dass er an den Ursprung zurückkehrt und das sieht.“

Dieselbe Eigenschaft ist auch für die Bande zwischen Mentor und Meisterschüler bezeichnend. „In Indien sagt man, dass ein Guru nicht unterrichtet. Es ist der Schüler, der die Erkenntnisse gewinnt. Das passiert, wenn ein Schüler den Meister inspiriert und er im Meister den Wunsch entfacht, Wissen mit ihm zu teilen. Umgekehrt ist es so, dass der Meister plötzlich diesen Weg zur Weitergabe von Wissen erkennt.“

„Das habe ich von Marcus gelernt. Um mit jemandem wie ihm zu reden, habe ich seine Sprache gelernt, mir sein Vokabular angeeignet. Ich bin bereichert worden.“ Auch Gilmore ist der Ansicht, dass ihre Begegnungen ihn grundlegend verändert haben. „Jedes Mal, wenn ich mit ihm zusammen bin, dient er mir als Vorbild. Ich beobachte ihn stets. James Baldwin drückt es so aus: Kinder hören nicht immer auf die Älteren, aber sie imitieren sie. Taten zählen. Zakir behandelt sich selbst mit Respekt und er ist anderen gegenüber respektvoll. Er ist scharfsinnig, aber auch geduldig. Ich fand es sehr lehrreich, wie er seine Energien einteilt.“

Im Zuge ihrer Arbeit haben sie auch miteinander musiziert: Zum einen auf Konzerten und zum anderen verbrachte Gilmore bei den jährlichen Tabla-Workshops, die Hussain in Mumbai und Kalifornien veranstaltet, Zeit mit dem Mentor; er beobachtete ihn auch beim Komponieren, als er an einer Partitur für das Alonzo King Lines Ballet in San Francisco und das Kronos Quartet arbeitete. Aber ihre Zusammenarbeit konzentrierte sich vor allem auf das von Gilmore komponierte Musikstück, das beim Wochenende der Rolex Initiative im Februar 2020 in Kapstadt erstmals aufgeführt werden wird.

Zakir behandelt sich selbst mit Respekt und er ist anderen gegenüber respektvoll. Er ist scharfsinnig, aber auch geduldig. Ich fand es sehr lehrreich, wie er seine Energien einteilt.

Marcus Gilmore, Meisterschüler Musik 2018-2019

Es ist seine erste Komposition für ein klassisches Orchester, zu dem auch Schlagzeuger und Jazzmusiker gehören. Als wir uns alle in einem nüchternen Proberaum im DiMenna Center in New York treffen, spielt das American Composers Orchestra Gilmore das Stück zum ersten Mal live vor. Hussain ist aus Boston angereist, wo ihm am Vorabend ein Ehrendiplom vom Berklee College of Music überreicht worden war. Er schaut mit großem Interesse zu, wie Gilmore das Kommando übernimmt, Fragen stellt und Klänge perfektioniert.

„Mir gefällt sein enormes Vertrauen in seine Fähigkeit, zu kommunizieren und auf die Menschen einzuwirken. Das war eine bemerkenswerte Veränderung im Laufe der letzten beiden Jahre. Es ist schwierig, Musik für ein Orchester zu schreiben und wenn er das jetzt schon beherrscht, dann ist es ziemlich unheimlich, sich vorzustellen, was er in Zukunft leisten kann“, resümiert Hussain. Gilmore ergänzt: „Für mich war es ein gewaltiger Lernprozess.“

Schon zu Beginn des Mentoringjahres vertraute Gilmore Hussain an, dass er mehr komponieren wollte, um seiner erfolgreichen Karriere als Gastmusiker für Künstler wie Chick Corea und als bewährter Jazzsolist eine weitere Facette hinzuzufügen. „Ich spiele ständig in vielen verschiedenen Settings und spontanes Komponieren ist dabei von großer Bedeutung. Aber ich wollte durchkomponierte Musik schreiben; ich habe so viele Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren, und die muss ich loswerden. Es gibt einen Teil von mir als Künstler, von dem ich gespürt habe, dass er herauskommen muss, dass er, wenn man so will, entwickelt werden muss. Schlagzeugspielen ist nur ein Aspekt. Ich spüre, dass das Potenzial grenzenlos ist.“

Als erfahrener Komponist konnte Hussain Gilmore spezifische Ratschläge geben. „Ich bin mit ihm die Anfangsphase beim Entwickeln meiner Musikstücke durchgegangen. Ich habe ihm einen Rhythmus vorgesungen und ihn dann gefragt, wie ich das in eine Melodie übertragen hatte. Der nächste Schritt war dann, herauszufinden, welche Instrumente in dem Orchester spielen könnten. Ich habe ihm geholfen, die Grammatik der rhythmischen Sätze und Abschnitte in melodische Sätze und Abschnitte zu übersetzen, weil sie einander nicht genau entsprechen.“

„Zakir war eine große Unterstützung bei der Lösung bestimmter Probleme“, fügt Gilmore hinzu. „Er hat mir geholfen, das große Ganze zu sehen. Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Monaten all diese kleinen Entwürfe hatte und nicht wusste, wie ich daraus etwas Sinnvolles machen könnte und was ich behalten oder weglassen sollte. Ich habe ihm etwas vorgespielt und er hat zu mir gesagt ‚Das klingt ähnlich wie das‘ oder ‚Das klingt cool, aber versuch erst eine klare, einfache Melodie zu haben und dann darauf aufzubauen‘.“

Dieses technische Know-how baute auf einer allgemeineren Ermutigung und Unterstützung auf. „Ich glaube, dass jeder Rhythmiker auch komponieren kann. Es ist etwas Psychologisches und eine Denkweise, die einen davon abhält“, bemerkt Hussain. Gilmore versteht dieses Gefühl. „Ich weiß, dass es viele negative Stereotype über Trommler und Schlagzeuger gibt. Aber das ist bloß eine Form von mutwilliger Ignoranz. Es braucht nicht viel, um das Potenzial der Trommel zu erkennen, immerhin war sie das erste Instrument. Auch ein Herzklopfen hört sich wie ein Trommeln an.“

Es ist dieser Glaube an das melodische Potenzial des Trommelns, der diese beiden Männer eint. Beim Spielen der Tabla mit ihren komplexen, getrennten Mustern ist die Verbindung zur Melodie eindeutig; in der westlichen Musik wird es öfter als schlichter Rhythmus wahrgenommen – eine Tendenz, der sich Gilmore als Enkel des großartigen Schlagzeugers Roy Haynes entgegenstellt. „Er ist einzigartig“, so Hussain. „Er ist so mit dem Schlagzeug verbunden, dass seine Hände und seine Drumsticks mit dem Instrument verschmelzen. Auf diese Weise kann er durch sein Schlagzeug sprechen. Das ist eine Gabe.“

Er sieht seine Aufgabe darin, Gilmore Vertrauen in sein Talent zu geben. „Ich versuche ihm wohl vor allem beizubringen, dass er sich nicht gefährdet fühlen soll. Wenn man zuversichtlich ist, dann hat man keine Angst, auf die Nase zu fallen. Scheitern ist nichts anderes als der erste Schritt zum Erfolg. Wenn man versagt, dann lernt man daraus, was man nicht wieder tun sollte. Wenn man das versteht, kann man es in dieser Welt weit bringen.“

Genau wie bei den anderen Meisterschülern und Mentoren hat sich auch Gilmores und Hussains Verhältnis von einem rein professionellen zu einem vertrauten entwickelt. Sie sind heute enge Freunde, die, so Hussain, „in Zukunft zigmal miteinander Musik machen werden“. Beide spüren, dass sie vom anderen Wissen übernehmen konnten. Hussain meint: „Ich bin jetzt auf dem neuesten Stand. Meine Software ist uralt und jetzt sind da ein paar neue Ideen, Gedanken und Rhythmen, die von der Art und Weise herrühren, wie Marcus die Welt sieht.“

Für Gilmore ist das geteilte Wissen von unschätzbarem Wert. „Ich habe einen Einblick in den Bereich, in die Industrie und in mich selbst als Künstler bekommen“, erzählt er mit einem Lächeln. „Er hat nicht nur all dieses unglaubliche Wissen mit mir geteilt, sondern mir auch gesagt, dass das Wichtigste ist, dass es sich für mich richtig anfühlt.“

„Wirklich großartige Mentoren wie Zakir sagen nicht: ‚Das ist der einzige Weg, so muss es sein.‘ Es ist eher so, dass man einige Werkzeuge angeboten bekommt. Das habe ich gelernt. Was bedeutet es dir? Was am Ende bleibt, ist man selbst, und damit muss man Frieden schließen. Das ist wirklich das Wesentliche.“

Sarah Crompton ist eine der angesehensten Autorinnen und Rundfunksprecherinnen Britanniens und kommentiert Kultur und Kunst in all ihren Facetten. Ihre Werke erscheinen unter anderem in The Guardian, The Sunday Times, The Times und The Observer.

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