Call to Earth

Die Reinigung von Indiens Seen

Von Google zur Abfallbeseitigung: Ein Umweltschützer reinigt Indiens Seen
(CNN) – Als Jugendlicher beobachtete Arun Krishnamurthy, wie sich ein Teich in der Nähe seines Hauses in einem Vorort von Chennai in Indien mit Müll füllte.

Von Jane Sit, CNN
Veröffentlicht: September 2020icon-clockLesezeit: 3 min 10 s

Der dem See zugefügte Schaden hat glückliche Kindheits­erinnerungen „weggefegt“, meint er – und ihn dazu inspiriert, Umwelt­schützer zu werden. „Ich wollte (den Teich) gern seine ursprüngliche Pracht wiederfinden sehen.“
Der 33-Jährige leitet heute die Environmentalist Foundation of India (EFI) – eine gemeinnützige Gruppe, die Süßwasserseen und -teiche in ganz Indien erneuert. Krishnamurthy gründete die Stiftung 2007, in dem Jahr, in dem er auch anfing, in der Buchhaltung bei Google zu arbeiten. Drei Jahre später gab er seine Stelle auf, um sich vollständig der Leitung der EFI zu widmen.

Viele Gewässer in Indien sind mit Abfall – von Plastiktüten bis Bauschutt – gefüllt und oft von Unkraut befallen. Das EFI-Team arbeitet daran, den Müll zu beseitigen, und stellt den natürlichen Lebensraum von Vögeln, Fröschen und einheimischen Pflanzen wieder her, sodass Flora und Fauna zurückkehren können.
In den vergangenen 13 Jahren hat die EFI 112 Seen und Teiche restauriert.

Nicht nur wegen dieser lokalen Projekte, sondern auch aus anderen Gründen ist Krishnamurthy so begeistert von seiner Arbeit.
„Indien kann eine Geschichte vom Wasser erzählen“, erklärt er. „Die Welt sollte dies wissen.“

INDIEN UND DAS WASSER

In Indien – mit einer im Wachstum begriffenen Bevölkerung von 1,3 Milliarden – wird das Wasser knapp.
Einem Bericht des staatlichen Thinktanks NITI Aoyag von 2018 zufolge sind 600 Millionen Menschen im ganzen Land von extremer Wasser­knappheit betroffen und circa 200.000 Menschen sterben jedes Jahr, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Laut dem Bericht wird der Bedarf an Trinkwasser in Indien im Jahr 2030 dem Doppelten der verfügbaren Menge entsprechen.
Aktivisten meinen, dass der Wassermangel eine Folge schlechter Planung und Verwaltung sei und durch den Klimawandel, der zu immer mehr Dürren und Über­schwemmungen führe, verschärft würde.

Suresh Rohilla, Leiter des Wasser­programms am Centre for Science and Environment in New Delhi, sagt, dass die Entwicklung des Gesundheits­wesens und der Abwasser­systeme die Lebens­qualität erhöht haben, jedoch den Wasserbedarf haben ansteigen lassen.
„(In) großen Städten werden etwa 30 % bis 40 % für die Toiletten­spülung verbraucht“, so Rohilla. „Statt Zubern verwenden die Einwohner jetzt Duschen und Badewannen.“
Krishnamurthy erklärt, dass das Hauptziel von EFI die Erneuerung von Seen und Teichen ist, aber die Arbeit der Organisation auch der Wasserversorgung in Indien in kleinem Umfang zugute kommt: Die Auffrischung von Gewässern trägt auch zur Erholung des Grundwassers bei, da hierbei das Wasser von der Oberfläche aus durch die Erde und das Gestein gefiltert wird.
Er nennt die vielen Haushalte, die von Grundwasser­reserven abhängig sind und die Brunnen auf dem eigenen Grundstück graben, um das Wasser direkt von dort zu schöpfen.
Grundwasser ist in Indien tatsächlich von größter Bedeutung, da es 80 % der Wasserversorgung ausmacht. Dessen Verbrauch – im Haushalt oder in der Landwirtschaft – leert die Reserven bedenklich schnell. Laut der Weltbank ist die Zahl der Brunnen­bohrungen in Indien zwischen 1950 und 2010 von 1 Millionen auf fast 30 Millionen gestiegen, während das mit Grundwasser bewässerte Land sich von 3 Millionen Hektar auf über 35 Millionen Hektar ausgedehnt hat – eine Fläche so groß wie Deutschland. Sollte sich diese Tendenz fortsetzen, erreichen 60 % der Distrikte in Indien „wahrscheinlich innerhalb von zwei Jahrzehnten (ein) kritisches Niveau der Grundwasser­abnahme“, so die Weltbank.

Rohilla erklärt, dass er zwar die Arbeit von Gruppen wie der EFI bei der Bekämpfung von Indiens Wasserproblem begrüßt, jedoch Maßnahmen von oberster Stelle her ergriffen werden sollten.
„Diese Gewässer sind Eigentum der Regierung“, sagt er, und dass die Regierung Verordnungen erlassen sollte, um die Entwicklung um die Seen herum zu beschränken sowie einen besseren Rechtsrahmen zum Schutz von Wasser­ressourcen schaffen sollte.
Einiges wird unternommen. 2019 schuf Premierminister Narendra Modi das Ministerium Jal Shakti (Wasserkraft), um die Wasser­bewirtschaftung zu überwachen, und Anfang des Jahres hat die indische Regierung gemeinsam mit der Weltbank eine Kredit­vereinbarung über 450 Millionen US-Dollar unterzeichnet, um die Grundwasser­krise zu bewältigen.
Krishnamurthy stimmt zu, dass ein stärkeres politisches Engagement in der Sache helfen würde, glaubt jedoch, dass jeder Einzelne eine wichtige Rolle spielt.
Deshalb möchte er die von ihm genannte „Wasserbildung“ fördern und das Bewusstsein über die Wichtigkeit des Wassers im Alltag der Menschen schärfen.

Er weist darauf hin, dass Grundwasser in Indien kostenfrei zur Verfügung steht und eine Menge davon verschwendet wird. „Mit einer besseren Bildung im Bereich Wasser werden wir ein Verantwortungs­bewusstsein bei den Indern schaffen, welches den einzig nachhaltigen Fortschritt bringt.“
Für ihn ensteht die Wassernot Indiens teilweise aus der Erfahrung der Modernisierung. Mit der Entwicklung des Landes „haben wir den Bezug zu diesen Gewässern verloren“, meint er.

Es braucht ein Dorf

Krishnamurthy hofft, dass die Arbeit der EFI dies ändern wird – indem öffentliche Unterstützung erreicht und der Bezug der Menschen zum Wasser gestärkt wird.
In den letzten 18 Monaten halfen mehr als 62.000 Menschen freiwillig in der Organisation mit, sagt er.
Mit Handschuhen sowie Rechen und Eimern ausgerüstet, durchkämmten diese Freiwilligen am Wochenende Seeufer, um Abfall zu sammeln.
Projekte können von einer Woche bis zu sechs Monaten dauern, so Krishnamurthy. Gewässer in schlimmem Zustand erfordern zuweilen umfangreichen Landschaftsbau. In solchen Fällen stellt die EFI Arbeiter an und setzt schweres Gerät ein, um den Seegrund zu vertiefen und die Böschungen zu verstärken.

Jedoch meint Krishnamurthy, dass die Projekte der EFI nie als abschließend betrachtet werden können, da die Gefahren nach der Restaurierung bestehen bleiben. Die Organisation muss „ihre Augen offen halten“, damit Gewässer, die gereinigt wurden, ihren guten Zustand beibehalten, sagt er.
Daher restauriert die EFI mehrere Seen und Teiche in einem Wohngebiet und bringt die Gemeinschaft vor Ort dazu, teilzunehmen.
Diese Einbeziehung ist entscheidend, meint Krishnamurthy.
„Ich kann nicht einfach an einen Ort kommen und anfangen, einen See oder Teich zu reinigen bis die dortige Gemein­schaft mitmacht … wenn sie sich über­haupt beteiligen will“, erklärt er. „Sonst bin ich nur für die Reinigung verant­wortlich und morgen wird wieder alles so sein wie vorher.“
Krishnamurthy findet, dass der Umweltschutz „aufregend“ und „anregend“ sein sollte. Die EFI produziert Dokumentarfilme über die Natur, die auf lokalen Sendern ausgestrahlt werden, und die Mitglieder veranstalten musikalisches Straßen­theater zu Umweltschutz­themen.

Die Organisation muss außerdem Wege zur Nachhaltigkeit bei der Abfall­entsorgung finden. Derzeit landen 95 % des in den Gewässern gesammelten Festmülls auf Deponien.
Krishnamurthy erklärt, dass die EFI Optionen zur Wieder­verwendung und zum Recycling von mehr Müll untersucht, obwohl eine mangelnde „Bandbreite“ immer eine Herausforderung für eine kleine Organisation darstellt.
Doch trotz dieser Schwierigkeiten gibt er sich hoffnungsvoll – nicht nur für Indien, sondern für die Welt. Er fordert die Menschen in aller Welt auf, nach Seen und Teichen zu schauen und achtsam hinsichtlich der Entsorgung von Müll und der Notlage von Flora und Fauna zu sein. Mit guten Absichten, so Krishnamurthy, kann jeder „etwas für unseren Planeten ändern“.

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