Wie ein Sehtest zu mehr Gerechtigkeit verhilft

Andrew Bastawrous

Eine Milliarde Menschen weltweit leidet unter leicht behandelbaren Seh­beeinträchtigungen. Mindestens ein Drittel von ihnen lebt an Orten, an denen es keinen Zugang zu moderner Augen­heilkunde gibt. Dank der genialen Vision des britischen Augenarztes Andrew Bastawrous ändert sich dies nun rasant.

Mithilfe der von Andrew Bastawrous ins Leben gerufenen Organisation Peek Vision wurden bereits eine Drittelmillion Sehtests im ländlichen Kenia durchgeführt, ehe diese Initiative auf andere Orte in Afrika und Asien ausgeweitet wurde. So werden etwa in abgelegenen Gebieten Pakistans jeden Monat mehr als 20.000 Menschen getestet und erhalten die Möglichkeit, einen Augenarzt oder Optiker für eine augen­medizinische Behandlung aufzusuchen.

Hinter Peek steckt eine Technologie, die auf Mobiltelefonen basiert und sich einfach bedienen lässt. So können Menschen mit Seh­beein­trächtigungen ermittelt und mit Hilfsdiensten, oft zur Wieder­herstellung der Sehkraft, in Kontakt gebracht werden. Auf geschickte Weise hat Bastawrous in Zusammenarbeit mit Forschern und Ingenieuren eine Smartphone-App entwickelt, welche die Sehschärfe misst und die Ergebnisse visuell darstellt. Mit dem System, das vor Ort von einem Laien bedient werden kann, lassen sich viel mehr Menschen mit Sehproblemen ermitteln. Eine erweiterte Version der App bietet zudem Daten­analysen, Erinnerungen per SMS und weitere Funktionen.

Anfangs führte Bastawrous in einem Großteil der 47 Counties in Kenia einen Probelauf mit insgesamt 160.000 Teilnehmern durch. Inzwischen wurden insgesamt über 350.000 Kenianerinnen und Kenianer untersucht, und diejenigen, deren Sehkraft behandelt werden musste, erhielten die entsprechende medizinische Versorgung.

Wir entscheiden uns ganz bewusst für schwierige Einsatzorte. Außerdem suchen wir uns jene Bevölkerungs­gruppen aus, die am wenigsten Zugang zu augen­medizi­nischer Versorgung haben oder diese nicht bezahlen können. Es geht darum, niemanden zurückzulassen.Andrew Bastawrous

„Wir bieten eine Lösung an, die dabei hilft, jene Menschen zu erfassen, die derzeit unsichtbar sind; aber wir gehen über diese reine Erfassung hinaus, um zu gewährleisten, dass sie die ihren Bedürfnissen entsprechende Behandlung erhalten, und verfolgen dann, ob diese für sie funktioniert hat“, erklärt Bastawrous.

„Wir entscheiden uns ganz bewusst für schwierige Einsatzorte. Außerdem suchen wir uns jene Bevölkerungs­gruppen aus, die am wenigsten Zugang zu augen­medizinischer Versorgung haben oder diese nicht bezahlen können. Es geht darum, niemanden zurückzulassen.“

Die Inspiration hinter dem Projekt, bei dem Millionen von Menschen weltweit zu einem guten Sehvermögen verholfen wird, stammt aus einer Zeit, als Bastawrous in der Schule in Großbritannien mit schlechten Noten zu kämpfen hatte. Eines Tages stellten ein einfacher Sehtest und zwei Brillengläser seine ganze Welt auf den Kopf. „Ich wurde nach draußen geschickt und sollte beschreiben, was ich sehen konnte. Und ich erinnere mich, dass es mich völlig überwältigt hat, dass diese zuvor schemenhafte Welt plötzlich gestochen scharf und plastisch war“, erzählt er. „Das hat mein Leben völlig verändert. Ich werde diesen Moment niemals vergessen.“

„Als ich einige Wochen später meine erste Brille bekam, sah ich, wie die Gesichter meiner Eltern und meine Freunde tatsächlich aussahen. Meine schulischen Leistungen änderten sich vollkommen.“

Der wundersame Wandel vom Leben in einer verschwommenen Welt hin zu einer, die sich klar abzeichnet, hat Bastawrous geprägt. Aus ihm ist heute ein Team entstanden, das von der Vision beseelt ist, das gleiche Wunder für Hunderte von Millionen Menschen zu vollbringen, die keinen Zugang zu moderner Augen­medizin haben.

Als Bastawrous als Jugendlicher nach Ägypten, in das Heimatland seiner Eltern reiste, folgte eine weitere Offenbarung. In Kairo erlebte er, wie Hunderte von Kindern, die bis auf die Brille genauso aussahen wie er, auf den Müllhalden der Stadt ein gefährliches Dasein fristeten. Er war fassungslos über die willkürliche Ungerechtigkeit des Schicksals.

Sein geschärftes Seh­vermögen ermöglichte ihm in weiterer Folge eine Ausbildung zum Augen­chirurgen und brachte ihn zum britischen National Health Service (NHS).

In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gibt es Hunderte, oft Millionen von Menschen, die entweder ihr Seh­vermögen verlieren oder es bereits verloren haben und keine Chance haben, es zurückzubekommen.Andrew Bastawrous

Tief in seinem Inneren fühlte Bastawrous jedoch ein wachsendes Gefühl der Frustration und Ohnmacht darüber, dass er den vielen Menschen weltweit, deren Seh­vermögen gerettet werden musste, nicht helfen konnte.

„In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gibt es Hunderte, oft Millionen von Menschen, die keinen Zugang zu augen­medizinischer Grund­versorgung haben und infolgedessen entweder ihr Sehvermögen verlieren oder es bereits verloren haben und keine Chance haben, es zurückzubekommen“, erklärt er.

Bastawrous zufolge leiden etwa 1,1 Milliarden Menschen weltweit an einer nicht behandelten Seh­beeinträchtigung. In vielen Fällen kann eine Brille oder eine Staroperation das Problem leicht beheben.

2011 kündigte er seine Stelle beim NHS und ging nach Kenia, um seinen Traum zu verwirklichen und das Sehver­mögen von Millionen von Menschen in Regionen mit mangelnder augen­ärztlicher Versorgung zu verbessern. Im Zuge der Behandlung von über 5.000 Patientinnen und Patienten in ländlichen Gebieten erkannte er schnell, dass der fehlende Zugang das Haupt­problem darstellte: In der Land­bevölkerung waren Sehfehler weit verbreitet, allerdings gab es nur wenige Augenärzte, und medizinische Hilfsdienste waren für die Menschen schwer zu erreichen. In den Dörfern abseits der Städte fehlte es an Straßen­verbindungen und medizinischer Versorgung. Trotzdem gab es in den meisten eine gute Mobilfunkabdeckung.

Fünf Jahre später erhielt Bastawrous einen Rolex Preis für Unternehmungsgeist, der die Reichweite seines ganzen Projekts revolutionierte.

Heute ist er mit seinem Team auf dem besten Weg, die Versorgung von Menschen mit Sehfehlern auf internationaler Ebene zu gewährleisten. Das Augenmerk liegt dabei insbesondere auf jenen Menschen, die am wenigsten Zugang zu augen­medizinischer Versorgung haben oder sich diese nicht leisten können. Allein in Pakistan umfasst die Zielgruppe rund 30 Millionen Menschen, die eine augen­ärztliche Behandlung benötigen. „Diese Reise geht immer weiter. Und sie erfordert eine ‚Besser-nie-aufhören‘-Einstellung“, so Bastawrous.

Peeks Selbsttest-App namens Peek Acuity ist seit 2016 auf Google Play verfügbar und gilt heute als zertifiziertes medizinisches Hilfsmittel, das in mehr als 190 Ländern für alle verfügbar ist, die ihr Seh­vermögen überprüfen möchten.

Als Teil der Rolex Initiative Perpetual Planet ist Bastawrous‘ Projekt äußerst lobenswert, da es praktische Wissenschaft und Technologie zum Wohle der Menschheit universell zugänglich macht.

VERÖFFENTLICHT: 2016

Vision für Afrika

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