Der Erde Gehör schenken

Michel André

Der Bioakustik-Pionier Michel André geht mit seinem Projekt, für das er ein Unter­wasser­­system entwickelte, um Kollisionen von Schiffen mit Walen zu verhindern, einen Schritt weiter und baut ein Netz­werk von Mikro­fonen auf, das die unzähligen Geräusche des Planeten überwacht und vor Bedrohungen für die Natur warnt.

Rund um den Erdball – von den Tiefen der Ozeane, von abgelegenen Regen­wäldern und fernen Wüsten bis hin zu einsamen Höhlen und den eisigen Polkappen – lauscht ein wachsendes Netzwerk elektronischer Ohren auf Anzeichen von Bedrohungen.

Die Initiative geht auf den französischen Bioakustik-Wissenschaftler Michel André zurück, der im Jahr 2002 einen Rolex Preis für Unternehmungsgeist für ein von ihm entwickeltes System erhielt, das Schiffe vor der Gefahr eines Zusammen­stoßes mit Walen warnt. Daraus entstand ein Projekt, das rund um den Planeten Geräusche aufzeichnet.

„Die Menschen haben die Fähigkeit eingebüßt, auf die Natur und ihre akustischen Botschaften zu hören“, so André. „Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, zu verstehen, was getan werden muss, damit wir die Zukunft unserer Welt nicht aufs Spiel setzen.“

Wir haben jetzt die einmalige Gelegen­heit, zu verstehen, was getan werden muss, damit wir die Zukunft unserer Welt nicht aufs Spiel setzen.Michel André

Schon als Kind war der Wissenschaftler von den seltsamen Geräuschen der Meeres­bewohner fasziniert. Er wurde zu einem internationalen Pionier auf dem Gebiet der Bioakustik – der Kunst und Wissenschaft, dem Leben Gehör zu schenken.

Die zunehmenden Kollisionen von Passagier­­fähren mit Pottwalen vor den Kanarischen Inseln bereiteten André in den späten 1990er‑Jahren Kopf­zerbrechen, und so entwickelte er ein Unterwasser­system, um auf Geräusche der großen Meeressäuger zu lauschen und Schiffs­kapitäne zu alarmieren, wenn sie auf ein Tier zusteuerten. Zudem machte er die Entdeckung, dass sich aufgrund des wachsenden Lärms, den der Mensch in und auf den Ozeanen etwa durch Motoren, Sonargeräte und Unterwasser­­sprengungen verursacht, das Gehör der Wale verschlechterte.

Dies führte zur Entwicklung seines Projekts LIDO (Listen to the Deep Ocean Environment), einem weltweiten Netzwerk von Tiefsee-Mikrofonen, das rund um die Uhr die akustische Umgebung der Ozeane abhört, den vom Menschen verursachten Lärm aufspürt und diesen von den natürlichen Geräuschen der Meeres­lebewesen oder geologischer Ereignisse unterscheidet.

In der Entwicklung seines welt­um­spannenden Abhörsystems gab es André zufolge drei Schritte:

– die Entwicklung von gleichermaßen sensiblen wie robusten Mikrofonen, die an ihre Umgebung angepasst sind, egal ob es sich dabei um die Tiefsee, den Regenwald oder die Wüste handelt

– die ständige Überwachung und Auswertung natürlicher und vom Menschen verursachter Geräusche mithilfe von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen

– die Warnung vor Geräuschen in Echtzeit, welche auf eine vom Menschen verursachte oder andere Bedrohung für die Natur hinweisen.

Ein solches System ermöglicht es André, fortwährend Bedrohungen für die Natur aufzuspüren. Dazu zählen auch die Abholzung von Bäumen im Amazonas­­gebiet, die Wilderei in Afrika oder starker industrieller Lärm in den Ozeanen. Darüber hinaus kann er die natürlichen Geräusche von Orten, an denen es keine menschlichen Eingriffe gibt, mit denen jener Orte vergleichen, die durch menschliche Aktivitäten beeinflusst werden, um so frühzeitig vor Problemen zu warnen. Mithilfe von Satelliten kann man zwar feststellen, dass Bäume gefällt werden, aber es können keine Veränderungen in Bezug auf die Lebewesen im Wald nachgewiesen werden. Mit Geräuschen ist das allerdings möglich.

Durch Andrés Zusammenarbeit mit anderen Preisträgern der Rolex Preise für Unter­nehmungsgeist haben sich neue Anwendungs­möglichkeiten für sein Abhör­­netzwerk entwickelt. So arbeitet er etwa mit Umweltschützer Arun Krishnamurthy zusammen, um zu verhindern, dass Züge in Indien mit Elefanten kollidieren, oder auch mit dem italienischen Höhlenforscher Francesco Sauro, um Pionierarbeit im neuen Forschungsfeld der Höhlen­akustik zu leisten, bei dem die Geräusche von einigen der tiefsten und abge­legensten Höhlen der Welt aufge­zeichnet werden.

Aufgrund einer Partnerschaft mit dem Team des verstorbenen Umweltschützers José Márcio Ayres, eines Rolex Preisträgers von 2002, werden Daten aus dem Amazonas­gebiet geliefert, die den Rangern vor Ort – vor allem im Mamirauá Reservat für nachhaltige Entwicklung (Mamirauá Sustainable Development Reserve) – dabei helfen, die Gesundheit der Ökosysteme zu überwachen.

Die Preisträgerinnen und Preisträger bilden eine Familie, die sich über ihre Heraus­­forderungen austauscht und sich gegenseitig unterstützt, um diese zu überwinden, so André.

Von seinem Labor für angewandte Bioakustik (LAB) aus, das sich an der Polytechnischen Universität von Katalonien in Barcelona befindet, untersucht André die Welt der Geräusche, die ihm sein immer größer werdendes Netzwerk von Mikrofonen liefert.

„Vor einigen Jahren haben wir uns mit jedem Bereich der Natur separat befasst. Wir haben Daten aus dem Ozean gesammelt, vom Regenwald, von der Wüste“, erinnert er sich. „Dank des globalen Netzwerks von Sensoren, die fortlaufend den Gesundheits­­zustand der Natur überprüfen, können wir nun feststellen, was getan werden muss, um eine Gefährdung durch den Klimawandel oder menschliche Aktivitäten zu verhindern.“

„Egal, wo wir uns befinden – wir können der Natur Gehör schenken. Wir haben bequem von zuhause aus Zugriff auf die Geräusche des Amazonas-Regen­waldes, der Arktis oder Antarktis. Wir können uns Geräusche aus Afrika oder aus der Unterwasserwelt anhören oder von irgendeinem anderen Ort, und das alles zur selben Zeit.“

Andrés globales Überwachungs­­system für Geräusche ist ein perfektes Beispiel für das, wofür die Initiative Perpetual Planet von Rolex steht. „Ich liebe das Konzept von Perpetual Planet“, erklärt er. „Die Natur ist perpetuell. Sie hört niemals auf und ich glaube nicht, dass es für unseren Ansatz bei der Untersuchung von Geräuschen ein Ende gibt.“

Die Natur hört niemals auf und ich glaube nicht, dass es für unseren Ansatz bei der Untersuchung von Geräuschen ein Ende gibt.Michel André

„Wir müssen der Natur zuhören. Die Technologie gibt uns diese Möglichkeit, aber wir müssen uns unserer Verant­wortung bewusst werden. Wir können nicht einfach zuhören und ignorieren, was passiert. Wir müssen zuhören und Maßnahmen ergreifen, um unseren Planeten zu schützen.“

VERÖFFENTLICHT: 2002

Meerlärm löst Alarm­glocken aus

Lesen Sie den Originalartikel
  • Perpetual Planet

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