DIE RETTUNG DES SCHNEE­LEOPARDEN

Shafqat Hussain

In den Bergen Pakistans hilft Shafqat Hussain den Bauern, ihren Lebens­unterhalt zu sichern und gleichzeitig das Zusammen­leben mit den Großkatzen zu lernen, die ihre Herden gefährden.

In der hochaufragenden, majestätischen Region Gilgit‑Baltistan im Norden Pakistans stehen die Berggipfel so nah beieinander, wie nirgendwo sonst auf der Erde. Sie bietet dem Schnee­leoparden, einem prachtvollen, aber gefährdeten wilden Raubtier, einen Zufluchtsort. Die Berge sind auch die Heimat von einer Million Hirten, Landwirten und Dorfbewohnern und ein Ort, an dem das Leben gleichermaßen für Mensch und Wildtier einem ständigen Kampf gleicht.

Für den Umwelt-Anthropologen Shafqat Hussain besteht die große Herausforderung darin, jenes empfindliche Gleichgewicht zu schaffen und zu erhalten, das sowohl Mensch als auch Leopard am Leben hält und einen Weg zu finden, wie beide in der unwirtlichen Gegend überleben und ohne Nachteile für den anderen wachsen können.

Die Viehzucht ist die wichtigste Erwerbs­tätigkeit und das Vieh die Haupt­nahrungs­quelle der Region. Allerdings stellen die Leoparden für die von den Dorfbewohnern gehaltenen Schafe, Ziegen, Yaks und Kühe eine Bedrohung dar. Um ihre Existenz­grundlage zu verteidigen, töteten die Hirten die Großkatzen. Mithilfe des Rolex Preises für Unternehmungs­geist, den Hussain im Jahr 2006 erhielt, konnte er jedoch einen friedlichen Kompromiss aushandeln. Als Folge davon bleiben die Leoparden­bestände stabil oder erholen sich, und die Dorfbewohner sind zufrieden.

Die Region Gilgit‑Baltistan erstreckt sich über 70.000 Quadratkilometer und ist nur dünn besiedelt. Innerhalb eines Umkreises von 100 Kilometern liegen mehr als 60 Gipfel über 7.000 Metern, darunter auch der K2, der zweithöchste Berg der Welt.

„Ökologisch handelt es sich um ein sehr raues Gebiet, sodass es äußerst schwierig ist, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Zwischen Hirtenvölkern und Raubtieren besteht eine ganz besondere Rivalität, weil die Tiere eine Bedrohung für die Lebens­grundlage der Menschen darstellen“, erklärt Hussain. „Diese Menschen sind sehr arm und können es sich nicht leisten, eine Ziege, eine Kuh oder ein Yak zu verlieren. Es ist also eine natürliche Reaktion für sie, den Schneeleoparden zu verfolgen. Mit unserem Projekt soll dieser Konflikt gelöst werden.“

Seine geniale Lösung trägt den Namen Project Snow Leopard – es bietet den Dorfbewohnern eine Entschädigung für jedes Tier, das die Leoparden erbeuten, und sichert so das Überleben von Mensch und Raubtier. Darüber hinaus hat Hussain den Hirten geholfen, raubtiersichere Ställe für ihr Vieh zu bauen, um zu verhindern, dass die Leoparden nachts angreifen. Und er hat ein Umwelt­programm für jene jungen Menschen ins Leben gerufen, die die nächste Generation von Hirten bilden und die Hoffnung für die Zukunft der Region darstellen.

Zwischen Hirtenvölkern und Raubtieren besteht eine ganz besondere Rivalität, weil die Tiere eine Bedrohung für die Lebens­grundlage der Menschen darstellen. Mit unserem Projekt soll dieser Konflikt gelöst werden.Shafqat Hussain

Hussain berichtet etwa von einer 80‑jährigen Witwe, die alle ihre elf Ziegen an einen Leoparden verloren hatte. Durch die Entschädigung konnte sie ihre Herde wieder aufbauen, die nun von ihren Enkeln gehütet wird. „Sie kam zu mir und küsste meine Hand. Es war ein ganz besonderer Augenblick. Ich habe gespürt, dass wir womöglich etwas Gutes tun. Die ansässigen Bauern sagen: ‚Wenn ihr uns für unsere Verluste entschädigt, dann lassen wir den Schneeleoparden in Ruhe.‘“

Trotz des rauen, schwindel­erregenden Geländes ist es Hussain gelungen, den Bestand der Schneeleoparden zu sichern. Für seine Forschung verwendet er Kamerafallen und analysiert die DNA in ihrem Kot. Zu Beginn des Projekts gab es in diesem Gebiet des Himalaja geschätzt zwischen 28 und 40 Leoparden; jüngste Untersuchungen ergeben durchweg zwischen 35 und 45.

„Es begann im Jahr 1999 in einem Dorf. Wir haben uns für den Rolex Preis beworben und mit dem erhaltenen Geld konnten wir das Projekt auf zehn weitere Täler ausweiten“, erinnert er sich. Heute umfasst das Programm 22 Dörfer, in denen über mehrere Täler verstreut 15.000 Menschen leben.

„Der Preis hat auch die Tore zu anderen Spendern aufgestoßen. Bald danach wurde ich als National Geographic Emerging Explorer ausgezeichnet. Mit Rolex zusammen­­zuarbeiten, war wirklich großartig. Es verleiht unserem Ansatz, der auf dem Zusammen­leben aufbaut, Glaubwürdigkeit.“

Heute ist die Entschädigung der Hirten in den zwölf Staaten, in denen die weltweit verbliebenen Schneeleoparden leben – Schätzungen zufolge liegt ihre Zahl zwischen 4.000 und 10.000 – zu einer weit verbreiteten Politik geworden. Somit ist der Funke von Hussains eleganter Lösung für ein heikles und sensibles Problem erfolgreich übergesprungen. „Etwa in den letzten zehn Jahren hat sich bei den Umweltschutz­institutionen das Bewusstsein gefestigt, dass sie sich mit den Problemen der Menschen vor Ort auseinander­setzen sollten, wenn sie erfolgreich Umweltschutz betreiben wollen.“

Wir sind sicher, dass es der Schneeleoparden­population sehr gut geht und sie stabil ist. Dies macht uns Hoffnung.Shafqat Hussain

„Das ist ein logischer Grund für uns, Vertrauen in die Menschheit zu haben. Wenn man den negativen Impuls (Wildtiere zu töten) wegnimmt, haben die Menschen keine Lust mehr, sie zu jagen. Die Zahlen und unsere Untersuchungen bestätigen das in der Tat.“

Aber Hussain warnt davor, dass heutzutage die globale Erwärmung die größte Bedrohung für die Schneeleoparden darstellt, da sie der Grund für das Verschwinden ihres verschneiten Lebensraums ist. „Und hier ist die Ursache nicht die Existenz­sicherung der armen Bauern. Es sind die Industrieländer, die die Gase produzieren, die letztlich Arten wie den Schneeleoparden bedrohen.“

Zudem deuten seine Genanalysen darauf hin, dass es möglicherweise nicht nur eine, sondern drei verschiedene Unterarten von Schneeleoparden gibt, wodurch ihr Schutz noch komplexer wird.

Als Teil der Initiative Perpetual Planet von Rolex, die aus dem Engagement für den Schutz der Natur entstanden ist, gehört dieses Projekt zu denjenigen, deren erklärtes Ziel die Rettung bedrohter Arten ist.

„Die Mühseligkeit bei der Erforschung des Schneeleoparden in seinem sehr rauen und unwirtlichen Lebensraum ist eine Herausforderung, die mich antreibt“, so Hussain. „Wir sind sicher, dass es der Schneeleoparden­population sehr gut geht und sie stabil ist. Das ist ein Trend, den wir in den letzten zehn Jahren beobachtet haben. Dies macht uns Hoffnung.“

VERÖFFENTLICHT: 2006

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