Colm Tóibín und Colin BarrettDas gemeinsame Streben nach irischen Literaturpreisen

Veröffentlicht: Januar 2020icon-clockLesezeit: 1m30s
icon-scroll-down

Der irische Schriftsteller Colin Barrett und sein Mentor und Landsmann Colm Tóibín, vielgepriesener Autor von einem Dutzend Büchern, nutzten ihr Mentoringjahr, um über die Mechanismen des Schreibens zu sprechen. Tóibíns Zusprache half Barrett dabei, seinen ersten Roman, The English Brothers, zu vollenden.

von Sarah Crompton Januar 2020
  • Colm Tóibín
  • Colin Barrett

„Wir konnten auf eine Art und Weise miteinander reden, wie man es nicht einmal mit seinen engen Vertrauten kann“, berichtet der Autor Colm Tóibín über seine Mentoringzeit mit dem jungen irischen Schriftsteller Colin Barrett. „Wenn man mit der Familie darüber spricht, wie man das Plusquamperfekt in einem Roman verwendet, dann heißt es gleich: ‚Kann man in diesem Haus denn nicht einmal seine Ruhe haben, ohne dass du über Schreibtechniken redest?‘ Deshalb war es großartig, einen anderen Autor um sich zu haben, für den das auch spannende Themen sind. Ich konnte mich mit ihm auf eine Weise austauschen, wie ich es mit niemandem sonst hätte tun können.“

Unter allen Disziplinen, die im Rahmen der Rolex Mentor und Meisterschüler Initiative betreut werden, ist der Bereich Literatur jener, der am heikelsten und am schwersten zu fassen ist. Autoren schreiben allein; sie arbeiten mit niemandem zusammen, um anschließend etwas zu präsentieren; man kann sie nicht beim Fertigen eines Kunstwerks, bei der Produktion eines Films oder beim Entwerfen eines Gebäudes beobachten. Allerdings sind die Bande, die sich im Laufe der vergangenen beiden Jahre zwischen Tóibín und Colin Barrett entwickelt haben, zu einer – wie Tóibín es nennt – „literarischen Freundschaft“ herangereift. „Wir haben über Dinge gesprochen wie die Frage, wie wir mit Stil und Struktur umgehen, aber es gab auch schrecklich viel Gelächter, Tratsch und Spaß, so wie manche Freunde vielleicht über Fußball sprechen.“

Barrett ist derselben Meinung. „Wir sind Freunde, genauso wie alles andere“, stellt er fest. „Die Zusammenarbeit hat mir viel mehr gebracht, als ich mir davon hätte erwarten können. Colm ist einfach von Natur aus ein guter Lehrer und er hat verstanden, wie viel Raum er mir geben muss, aber gleichzeitig war er präsent und aufmerksam.“

Zu Beginn des Mentoringjahres hatte der heute 37-jährige Barrett den preisgekrönten Kurzgeschichtenband Junge Wölfe (Young Skins) fertiggestellt; er hatte außerdem auch damit begonnen, einen Roman zu schreiben. „Colm hat mir sehr geholfen, mich darauf zu konzentrieren“, erklärt er. „Ich bin mit dem Buch einfach irgendwo steckengeblieben – das kann durchaus vorkommen. Er hat mir wirklich geholfen, indem er mir Selbstvertrauen eingeflößt und mich bestätigt hat. Ich habe gespürt, dass jemand einen gewissen Wert in meinem Schreiben und in diesem Buch erkennt.“

Tóibín machte von Anfang an klar, was er tun konnte und was nicht. „Ich habe das Buch nicht für ihn redigiert, das ist nicht meine Aufgabe. Ich war auch nicht sein Lehrer. Ich habe nicht gesagt ‚Das ist falsch‘ oder ‚Ich denke, du solltest wirklich …‘. Wir waren einfach miteinander unterwegs und haben beobachtet, wohin uns das führt.“

Colm ist einfach von Natur aus ein guter Lehrer und er hat verstanden, wie viel Raum er mir geben muss, aber gleichzeitig war er präsent und aufmerksam.

Colin Barrett, Meisterschüler Literatur 2018–2019

Als Tóibín sich unerwartet einer Krebsbehandlung unterziehen musste, wurde ihre Zusammenarbeit unterbrochen. Aber selbst zu jener Zeit hielten sie per E-Mail Kontakt zueinander und seit es ihm wieder besser geht, haben sie es geschafft, sich regelmäßig zu treffen. Da Barrett in Toronto lebt und Tóibín an der Columbia University in New York unterrichtet, verbringen die beiden nicht nur in Irland, sondern auch in den Vereinigten Staaten Zeit miteinander. Aber ihr denkwürdigster Moment war, als Tóibín Barrett zum ‚Centre d’Art i Natura‘, einem internationalen Künstlerrefugium in den katalanischen Pyrenäen, mitnahm – einem Ort, den er selbst jedes Jahr versucht zu besuchen.

Zwei Wochen lang besprachen sie dort die Arbeit als Autor, etwa wenn sie Lebensmittel einkaufen gingen oder beim gemeinsamen Abendessen. Barrett arbeitete an seinem Roman und Tóibín widmete sich einem großen neuen Projekt, das von Thomas Manns Lebens inspiriert ist. „Das ist mein zehnter Roman, mein zwölftes belletristisches Werk, und ich bin immer noch unsicher. Deshalb habe ich gedacht, ich könnte etwas bewegen, ohne anzugeben oder zu prahlen. Ich könnte ihn einfach sehen lassen, dass jemand Älteres genauso besorgt um den Roman ist, den er schreibt, wie er um seinen.“

Zu Beginn seiner eigenen Karriere hatte Tóibín eine ähnliche Beziehung zum großen irischen Autor John McGahern, der ihm von seinen Zweifeln erzählte, als er seinen berühmten Roman Unter Frauen (Amongst Women) schrieb. „Ich habe gerade einen Brief ausgegraben, in dem er mir geschrieben hatte: ‚Das bringt mich um.‘ Und ich habe ihm geglaubt. Es hat mir sehr viel gebracht, zu verstehen, dass man sich niemals daran gewöhnen und denken kann: ‚Ich weiß, wie es geht.‘“

Für Barrett waren die Gespräche von ebenso großem Nutzen. „Er denkt einfach sehr praktisch darüber und das Schreiben ist etwas Praxisbezogenes; es geht darum, Dinge auszuprobieren, Techniken anzuwenden, die man gelernt und entdeckt hat. Manchmal klappt es und manchmal eben nicht und von Zeit zu Zeit verliert man sich darin. Er hat darüber immer sehr offen gesprochen. Aber das geht natürlich nur, wenn man kompetent ist und selbstsicher und weiß, dass man es drauf hat. Das ist die Ehrlichkeit von jemandem, der weiß was es bedeutet sich einzugestehen, dass man nicht unfehlbar ist. Das war inspirierend für mich.“

Wir treffen uns in Dublin. Hier ist Tóibín zuhause und hier nahm die Literaturkarriere des in County Mayo geborenen Barrett ihren Lauf, als er an der Universität ein Masterstudium in kreativem Schreiben betrieb und seine ersten Geschichten veröffentlicht wurden. Die beiden sind in der Stadt, um einen Workshop zu veranstalten, einen Vortrag zu halten und zur Premiere von Tóibíns neuem Stück Pale Sister im Gate Theatre, dessen künstlerische Leiterin die ehemalige Rolex Theater-Meisterschülerin Selina Cartmell ist.

Allein zu sehen, in welchem Ausmaß und mit welcher Begeisterung sich Tóibín seinen Projekten widmet, hatte eine Vorbildwirkung auf Barrett. „Es tut gut, wenn dir jemand zeigt, wie man die Kunst und den Prozess des Kunstschaffens zu einem Teil seines Lebens macht“, sagt er. „Wie lebt man als Künstler? Ich sehe, dass Colm ständig arbeitet und ständig etwas produziert. Mitzuerleben, wie er bereichsübergreifend arbeitet, dass er offen dafür ist, unterschiedliche Dinge auszuprobieren und sie zu versuchen, hat mich daran erinnert, dass man sich nicht von einem Projekt zu sehr vereinnahmen lassen kann, denn es ist wichtig, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Wenn man versucht, seinen Lebensunterhalt mit Kunst zu verdienen, dann muss man um sich herum ein Netzwerk aufbauen, das einen unterstützt.“

Für Barrett war es auch von großer Bedeutung, dass die Rolex Initiative sich nun über zwei Jahre erstreckt, ohne an Bedingungen gebunden zu sein. „Man braucht einfach die Zeit, um zu experimentieren und Dinge auszuprobieren“, meint er. „Es ist wie ein Bogen. Man spürt nicht einfach, wo es aufhört und wo es beginnt. Es ist eine Entwicklung möglich. Ich habe mit ein paar der ehemaligen Meisterschüler gesprochen und sie haben mir erzählt, dass alles, was sie im Rahmen dieses Programms gelernt haben, ihre anschließende Arbeit beeinflusst hat. Die kreativen Nachwirkungen davon bleiben einem erhalten.“

Auch wenn beide Männer in Irland geboren sein mögen, so unterscheiden sie sich doch durch die unterschiedlichen Epochen, in denen sie aufgewachsen sind, durch das sich verändernde Land und durch ihre sehr ungleichen Persönlichkeiten. Und gerade diese Unterschiede haben ihre Zusammenarbeit so erfolgreich gemacht; wenn man die beiden miteinander erlebt, dann werden ihre Großzügigkeit und Herzlichkeit füreinander offenkundig. Tóibín erzählt, dass es Augenblicke gab, in denen „man sich fragte, wer hier tatsächlich mehr von wem lernt … Es war inspirierend für mich, Colins Entschlossenheit zu erleben, es richtig machen zu wollen, und über das Redigieren oder das langsame Vorankommen zu sprechen“, sagt er.

Barrett wiederum bekam insbesondere durch Tóibíns ständige und ansteckende Neugier neuen Auftrieb. „Er ist keineswegs selbstgefällig, obwohl er schon so viel erreicht hat. Er könnte sich problemlos auf seinen Lorbeeren ausruhen, aber das tut er nicht. Er ist immer noch von dieser Leidenschaft und Energie erfüllt. Ich wäre sehr gerne so.“

Sarah Crompton ist eine der angesehensten Autorinnen und Rundfunksprecherinnen Britanniens und kommentiert Kultur und Kunst in all ihren Facetten. Ihre Werke erscheinen unter anderem in The Guardian, The Sunday Times, The Times und The Observer.

Programm

Rolex Mentor und Meisterschüler

Erfahren Sie mehr